INTERVIEW MIT JULIAN BRUNNER

«Mist, wieso habe ich die ausgelassen?»

Julian Brunner aus Rietheim stellt das Line-up für das Fläcke Openair zusammen. Hier sagt er, welches die Chancen und Herausforderungen in Corona-Zeiten sind, wie sich die Musikszene verändert hat und weshalb er sich so sehr auf das Openair auf dem Laubberg freut.

Stimmt die Aussage: Wer heute am FläckeOpenAir auftritt, ist morgen ein Star?
Natürlich nicht, sonst könnte ich mich selbst auch als Star bezeichnen (lacht). So einfach ist der Weg zum "Star" in der Musikbranche nicht. Fakt ist aber, dass wir bei nur zwei Durchführungen schon mehrere Acts auf der Bühne hatten, die kurz danach bekannt worden sind. Heute könnten wir sie uns nicht mehr leisten.

Ein klein wenig stolz darfst du doch schon sein?
Stolz ist nicht der richtige Ausdruck. Aber natürlich ist es schön zu wissen, dass wir mit unserem sehr durchmischten, breiten Publikum etwas dazu beitragen konnten, tollen Künstlern zusätzlich Schub zu geben.
 
Wie stellt man denn ein «no name»-Line-up zusammen, das so gut ankommt wie an den beiden vergangenen Austragungen?
Oh, das klingt jetzt etwas hart. No name ist eine ungerechte und zudem falsche Bezeichnung der Künstler, die bei uns jeweils auftreten.

Okay, sag uns, wie du so gute, aber völlig unbekannte Bands findest.
Darf ich ausholen?

Alles, nur nicht langweilig werden.
Die Art Musik zu machen, sie zu hören, sie zu verbreiten, sie zu verkaufen und sie zu teilen hat sich in den letzten 40, 50 Jahren grundlegend verändert. In den Zeiten von Jethro Tull, Led Zeppelin, Pink Floyd, Supertramp, Janis Joplin, oder noch etwas früher Muddy Waters, Etta James, Jerry Lee Lewis, Buddy Holly, und so weiter, war eines bedeutend anders: Alles war weniger, Geld, Studios, Labels.
Wer es schaffte, hielt sich einfacher als heute in den Charts. Der Konkurrenzkampf innerhalb der Genres war klein. Deshalb kennen wir alle diese Bands noch. Heute ist es umgekehrt. Von allem gibt es viel: Computersoftware, Studios, kostenlose Kanäle, um die Musik zu verbreiten, unzählige Radios, Agenturen, Labels, Spotify und so weiter. Das heisst, es kommen täglich unzählige neue gute Songs, Bands und Künstler auf den Musikmarkt. Landen sie einen Hit, ist die Chance, keine Eintagsfliege zu bleiben, dennoch winzig. Denn am anderen Tag gibt es schon wieder viele neue geile Songs von vielen anderen neuen geilen Bands.

«Die Art Musik zu machen, sie zu hören, sie zu verbreiten, sie zu verkaufen und sie zu teilen hat sich in den letzten 40, 50 Jahren grundlegend verändert.»

Und diese tragen natürlich auch keine Namen, wo allen gleich die Luft wegbleibt, richtig?
Die Mehrheit konzentriert sich auf Dauerbrenner. Sonst würde der durchschnittliche Musikhörer komplett die Übersicht verlieren. Die heutigen Stars wie etwa Beyoncé, Alicia Keys, Ed Sheeran und so weiter sind alle auf einem unfassbar hohen Niveau. Und sie sind eben die Stars – und damit mehr als einfach nur Musikerinnen und Musiker.

Wie muss man das verstehen?
Die besten Musikproduzenten suchen sich die besten Sängerinnen und Sänger, die auch über ein grosses Starpotenzial verfügen. Sie singen nicht nur, sie verkörpern und verkaufen mit jeder Faser ihre tollen Songs. Wer dieses Potenzial nicht mitbringt, hat, egal was für ein musikalisches Talent er oder sie aufweist, viel kleinere Chancen. Auch die Radiostationen spielen aus diesem Grund stets die gleichen Songs und Künstler. Die Musik ist ausgeschöpfter. Man kann heute keine vier Gitarrenakkorde mehr hintereinander spielen, ohne dass einem gleich fünf Songs dazu in den Sinn kommen. Heute muss man viel mehr mit den Musikstilen, neuen Instrumenten, neuster Technik, innovativen Computereinsätzen und Backingtracks spielen. Wie gesagt: Die Auswahl an guten Bands, Musikerinnen und Musikern war nie so gross wie bisher. Wenn man also den Überblick behält und laufend neue Musik verfolgt,ist es durchaus realistisch, geeignete Bands in top Qualität für unser Openair zugewinnen. Ganz ehrlich gesagt legen fast alle diese super professionellen Bands finanziell mächtig drauf. Sicherlich keine einfache Branche. Ich selbst finde jedenfalls eine mittlere Bekanntheitsgrösse wie sie Mumford & Sons oder etwa Paolo Nutini aufweisen, einiges erstrebenswerter

Warum?
Sie sind extrem erfolgreich mit ihrer Musik und ihren Livekonzerten, aber trotzdem sind sie für die meisten unbekannt. Aber zurück zur ursprünglichen Frage. Wie lautete sie noch einmal?

Wie stellst du das Line-up für das Fläcke OpenAir zusammen?
Die Kunst des Bookings liegt darin, abschätzen zu können, welche Acts für welche Preise bis wohin reisen. Hinzu kommt, wie in den meisten anderen Branchen, dass man persönliche Kontakte hat.

Wie knüpfst du die diese?
Wenn wir mit unserer Band «Manta Youf» an Festivals und in Konzertlokalen spielen, trifft man andere Musiker. Zudem arbeitet man mit Produzenten, Ton-Mischern, Ton-Mastering Leuten, Ton- und Lichttechnikern, Labels, Festival- und Lokalorganisatoren, Bookingagenturen und deren Booker zusammen. So entstehen die Kontakte, die einen den Zugang zu Bands auf einer bezahlbaren Ebene ermöglichen. Darf ich noch mal ausholen?

Klar. Ist spannend.
Etliche Bands, die bei uns auf der Bühne waren und sein werden, sind auf der ganzen Erdkugel bekannt und haben zehntausende bis Millionen von Fans. Nur bewegen sie sich mit ihrem Musikstil in Nischen, die nicht massentauglich sind oder deren Songs sich nicht für die Radionorm eignen. Das heisst also, dass sie global gesehen eine riesige Zahl von Hörerinnen und Hörern haben, aber in der Deutschschweiz nur wenige.